„Ihr seid nicht schuldig für das, was damals geschehen ist.
Aber ihr macht euch schuldig, wenn ihr nichts von dieser Geschichte wissen wollt.“

Diese eindrücklichen Worte der Auschwitz Überlebenden Esther Bejarano (1924-2021) beschreiben unsere Empfindungen der Auschwitzfahrt 2026 wie keine anderen. Um uns dieser Mission bewusst zu werden, mussten wir jedoch zuerst auf Spurensuche gehen. Der Antisemitismus begann nicht mit dem Dritten Reich. Er ist Jahrhunderte in unserer Gesellschaft verwurzelt gewesen, befeuerte die nationalsozialistische Ideologie und mündete schließlich in der Shoah.

Unsere Spurensuche begann im Kleinen – ihren Ausgangspunkt fand sie bei einer Stadtführung durch das ehemalige jüdische Leben in Kassel. Vom Aschrottbrunnen am Rathaus, über ehemalige jüdische Einkaufsläden und Wohngebiete, bis hin zum Standort der in dem Pogrom 1938 zerstörten Synagoge – hier verdeutlichten wir uns, wie jüdisches Dasein Kassels Kultur und wirtschaftliches Leben über lange Zeit ergänzten und bereicherten. Dies war ein geeigneter Beginn für die eigentliche Fahrt.

Nach rund zehn Stunden Busfahrt kamen wir in Polen in der Stadt Oświęcim (Auschwitz) in der internationalen Jugendbegegnungsstätte an und konnten rasch unsere Zimmer beziehen. Nach einer Gesprächsrunde bezüglich unserer Erwartungen für die kommende Woche und einem gemeinsam verbrachten Abend war es bald Bettgehzeit, um für den nächsten Tag ausreichend vorbereitet zu sein: Der Besuch des Stammlagers Auschwitz I.
Unser Guide führte uns durch das unscheinbar wirkende, weltbekannte Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. Ein Schild, welches das Schicksal von unzähligen unschuldigen Menschen besiegelte, ein Schild, welches aus Menschen Nummern machte, ein Schild, dass aus Menschen ersetzliche Arbeitskraft machen sollte. Es handelte sich um den Ausdruck der extremsten Form von Menschenhass, gelenkt von einem der perfidesten Machtapparate der Menschheitsgeschichte.

In einer rund vierstündigen Führung besuchten wir Ausstellungen zu Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, politisch Verfolgten und anderen Menschen, die in der nationalsozialistischen Ideologie keinen Platz hatten und an diesen schrecklichen Ort, nach Auschwitz, deportiert wurden. Begleitet wurde die Führung von einem Guide, welcher sehr eindrucksvoll und bildkräftig beschrieb, was an diesem Ort geschah. Ähnlich war es am Nachmittag bei einer Führung durch die Stadt Oświęcim und ihr jüdisches Erbe, beim Besuch einer Synagoge lernten wir die jüdische Lebensweise kennen. Abends ließen wir den Tag nach einer tiefgründigen und emotionalen Gesprächsrunde ausklingen, welche uns die Erlebnisse des Tages nochmals vergegenwärtigte und näherbrachte.

Der dritte Tag führte uns nach Auschwitz II Birkenau, dem größten Vernichtungslager, dem Ort, wo mehr als eine Millionen Menschen brutal ermordet wurden. Eingepfercht in enge Baracken vegetierten hier Menschen, nachdem sie tagsüber körperliche Schwerstarbeit verrichtet hatten, solange bis sie völlig entkräftet und abgemagert als „unnütz“ galten und in den Gaskammern umgebracht wurden.

Verglichen mit Auschwitz I ist Birkenau deutlich weitläufiger, doch fühlt sich umso einengender an. Unser Guide führte uns auch in die sogenannte „Sauna“, dem Ort wo die Personen entmenschlichend auf ihr Schicksal vorbereitet wurden und zur „Rampe“, dem Bahngleis, wo die Züge voll mit deportierten Menschen hielten. Auch wenn das Areal das Leid der Vergangenheit nur noch erahnen lässt, so ist es doch ein Ort, der uns trotz unserer Vorkenntnisse erschüttert hat.

Gleichwohl hat er uns auch in der Aufgabe bestärkt, dieses Verbrechen niemals zu vergessen. Dies bot einen geeigneten Anlass, um am Nachmittag in der Begegnungsstätte gemeinsam den preisgekrönten Film „Schindlers Liste“ zu schauen, welcher uns die Person Oskar Schindler und das Schicksal der von ihm geretteten Juden vertraut machte. Auch dieser Tag wurde mit einer Gesprächsrunde zum Verarbeiten des Erlebten beendet.

Am vierten Tag knüpften wir mit unserem Besuch in Krakau an den Film an, indem wir bei einer Führung durch die Stadt, vor allem auch das ehemalige jüdische Viertel Kazimierz mit mehreren Drehorten besuchten und die wunderschöne Altstadt von Krakau sowie die Burg Wawel mit ihrer, für die polnische Geschichte so bedeutenden Historie kennenlernten. Dies gab uns die Möglichkeit, die Reise hoffnungsvoll gestimmt ausklingen zu lassen.
Esther Bejaranos Worte sind aktuell und bedeutend wie nie und verkörpern die Erfahrungen aller Fahrtteilnehmenden. Diese Fahrt hat uns verändert – wir sind nach Hause gekommen mit neuen Perspektiven und der Verantwortung, an Vergangenes zu erinnern.

Wir danken Frau Münzner und Herrn Neumann für die exzellente Begleitung und Aufarbeitung des Erlebten.

Text: Erza Rraci und Max Sangen im Namen aller Fahrtteilnehmenden
Fotos: Marcus Neumann
Redaktion: Julia Lipke